21 Juni Musikinstrumente: Entdecke exotische Klänge und Klangwelten
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Wer kennt sie noch? Die Instrumente, die nicht auf dem Schulhof zu hören waren, die niemand in der Band brauchte, die nicht in Spotify-Playlists vorkommen – aber die, wenn sie gespielt werden, die Luft verändern. Keine Querflöte und Schlagzeug. Kein Klavier, das in jedem Wohnzimmer steht. Sondern Instrumente, die wie versteckte Codes klingen: ein Knacken, ein Summen, ein tiefes Dröhnen, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Dieser Artikel geht nicht um Nische für Nische. Er geht um Kultur, die vergessen wurde – und doch noch atmet. Um Klänge, die nicht aus Lautsprechern kommen, sondern aus Holz, Glas und Metall, die mit Händen, nicht mit Algorithmen gespielt werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Nyckelharpa ist ein skandinavisches Saiteninstrument mit 16 Saiten, das durch einen Bogen in Schwingung versetzt wird und seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert ist.
- Die Glasharmonika wurde 1761 von Benjamin Franklin erfunden und besteht aus 37 rotierenden Glasbechern, die durch feuchte Finger Töne erzeugen.
- Die Crwth ist ein walisisches Saiteninstrument mit sechs Saiten, von dem heute nur vier originale Exemplare existieren.
- Die Strohgeige wurde 1899 von Johannes Mathias Augustus Stroh erfunden und nutzt eine Membran zur Verstärkung der Schwingungen, um Aufnahmen auf frühen Grammophonen zu ermöglichen.
- Der Octobass ist mit 3,50 Meter der größte Kontrabass der Welt und wird über Pedale und Hebel gespielt, nicht durch Griffbretttechnik.
„Die Glasharmonika ist wie ein musikalisches Puzzle – jedes Glas gibt einen anderen Ton und zusammen ergeben sie eine Melodie, die man nie vergisst.“
Nyckelharpa
Nyckelharpa Der Name klingt wie ein Fluch aus einem alten schwedischen Märchen – und das ist kein Zufall. Übersetzt heißt es „Schlüsselfiedel“: „Nyckel“ für Schlüssel, „harpa“ für Harfe oder Fiedel. Doch dieses Instrument ist weder Harfe noch Geige. Es ist ein Hybrid, ein mechanisches Wunderwerk aus Holz, Metall und Harz, das zwischen Volksmusik und Klangforschung schwebt. Seit dem 15. Jahrhundert ist es in Schweden belegt, wo es als Instrument der Bauern, Wandermusikanten und Dorffeste diente – bei Hochzeiten, Begräbnissen und Winterfesten. Es war kein Klavier, kein Instrument für Salonmusik. Es war ein Instrument für die Realität, für die Kälte, für die Dunkelheit.
Die Nyckelharpa hat 16 Saiten. Vier davon werden mit dem Bogen gezogen, die restlichen zwölf sind Resonanzsaiten, die durch Schwingungsübertragung mitschwingen und einen hallartigen, fast übernatürlichen Klang erzeugen. Die Tonhöhe wird nicht durch Drücken der Saiten auf ein Griffbrett verändert, sondern durch kleine Holzschlüssel, die quer unter den Saiten liegen. Beim Spielen drückt der Musiker diese Schlüssel mit den Fingern nach unten – ein Mechanismus, der an ein Cembalo erinnert, aber mit der Präzision eines Bogens. Kürze Die Nyckelharpa ist kein Instrument für Anfänger. Es erfordert Koordination zwischen Arm und Finger – und eine innere Ruhe, die nur die nordischen Wälder lehren können.
Im 19. Jahrhundert geriet sie fast in Vergessenheit, bis die Folk-Renaissance der 1970er Jahre sie zurückholte. Heute ist sie kein Relikt. Sie lebt – in den Händen von Anna von Hausswolff, deren sakrale Drone-Kompositionen sie in elektronische Klanglandschaften einwebt oder in der Band Hedningarna, die traditionelle skandinavische Melodien mit modernen Rhythmen verbindet. Wer sie live hört, spürt: Es ist nicht nur Musik. Es ist ein Flüstern aus Holz, das durch den Raum wandert, als würde die Zeit langsamer werden. Die Nyckelharpa ist kein Instrument – es ist eine Erinnerung an eine Welt, in der Musik noch mit den Händen gemacht wurde.
In der schwedischen Stadt Mora findet jedes Jahr das Nyckelharpa Festival statt, wo über 200 Spieler aus ganz Europa zusammenkommen. Keine Bühne, keine Lichter, nur Holz, Harz und die Stille zwischen den Tönen. Einige der ältesten Exemplare stammen aus dem Jahr 1784 – und werden noch immer gespielt. Die Resonanzsaiten, die aus Stahl und Kupfer gefertigt sind, vibrieren so intensiv, dass sie die Luft im Raum wie eine Sehnsucht berühren. Es ist kein Zufall, dass die Instrumente der Nyckelharpa aus dem gleichen Holz gebaut werden wie die traditionellen schwedischen Möbel: Birke, Esche, Fichte. Die gleiche Wärme, die gleiche Dichte, die gleiche Geschichte.
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Glasharmonika
Habt ihr als Kind auch den Rand eines Weinglases umkreist, um einen leisen, singenden Ton zu erzeugen? Dann habt ihr schon einmal die Grundlage der Glasharmonika berührt. Doch Benjamin Franklin hat daraus kein Kinderspiel gemacht. 1761 baute er die erste funktionstüchtige Glasharmonika – eine Maschine aus 37 Glasbechern unterschiedlicher Größe, die auf einer horizontalen Achse montiert waren und durch ein Pedal in Rotation versetzt wurden. Die Töne entstehen durch Reibung: feuchte Finger gleiten über den Rand der rotierenden Gläser und jedes Glas gibt einen anderen Ton ab – je größer, desto tiefer. Jedes Glas ist ein eigenes Instrument.
Franklin nannte es „Armonica“ – und es wurde schnell zum Star der Salons. Mozart komponierte 1791 das Adagio und Rondo für Glasharmonika, Klarinette, Horn, Oboe und Fagott, K. 617 und die Kantate „Un moto di gioia“, K. 356. Beide Werke wurden für die blinde Virtuosin Marianne Kirchgessner geschrieben, deren Aufnahmen – soweit überliefert – als hypnotisch galten. Der Klang der Glasharmonika ist kein gewöhnlicher Klang. Er ist durchdringend, klar, fast meditativ – als würde die Stille selbst singen. Manche hörten darin Heilkräfte, andere Wahnsinn. In Deutschland wurde sie sogar verboten, weil man glaubte, sie löse Nervenzusammenbrüche aus.
Doch die Instrumente brachen. Die Bleimischung im Glas war giftig. Die Feuchtigkeit machte die Finger kalt. Und die Musikwelt drehte sich weiter – zu lauter, zu dramatisch. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Glasharmonika verschwunden. Doch in den 1980er Jahren begann eine kleine, aber leidenschaftliche Bewegung, sie wiederzubeleben. Heute gibt es weltweit weniger als 50 aktive Spieler. In Berlin spielt die Musikerin Katharina Klement im „Glasharmonika Ensemble“ auf Originalinstrumenten aus dem 18. Jahrhundert. „Es ist, als würde man mit der Luft tanzen“, sagt sie. „Kein Instrument verändert den Raum so direkt.“ Die Glasharmonika ist kein Instrument – es ist ein Echo aus einer Zeit, in der Musik noch magisch war.
Die Glasharmonika ist kein elektronisches Instrument, kein Synthesizer, kein Sample. Sie ist Glas und Metall. Sie braucht Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Finger, die nicht zittern. Ein einziger Tropfen zu viel und der Ton bricht. Ein Hauch zu wenig und er verschwindet. Die Instrumente, die heute gespielt werden, sind Nachbauten aus Borosilikatglas, das weniger brüchig ist als das Original. Doch der Klang bleibt unverändert: ein Schweben, das zwischen Oboe und Fagott liegt, aber tiefer, weicher, als ob die Musik aus einem Traum kommt. Die Werke von Mozart und Haydn, die für sie geschrieben wurden, sind heute die einzigen, die noch vollständig erhalten sind. Kein anderes Instrument hat so wenige Kompositionen, aber so viel Magie in sich.
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Crwth
Wie man es ausspricht, weiß niemand genau. Crwth. Crowth. Craut. Es klingt wie ein Husten, ein Knarren, ein Windstoß. Doch wer es hört, vergisst es nie. Die Crwth ist das älteste bekannte Saiteninstrument aus Wales – eine Fiedel mit sechs Saiten, ohne Griffbrett, ohne Bund. Vier Melodiesaiten werden mit dem Bogen gespielt, zwei Basssaiten mit den Fingern gedrückt – aber nicht auf ein Holz, sondern in die Luft. Die Technik des Drückens der Saiten ist einzigartig: Es geht nicht um exakte Töne, sondern um Schwingungen, um Resonanz, um das, was zwischen den Noten passiert.
Erstmals schriftlich erwähnt wurde sie im 11. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert war sie fast verschwunden – bis 1784 der Archäologe Edward Jones ein Original in einem Londoner Museum entdeckte. Heute existieren nur noch vier authentische Crwth-Instrumente: im British Museum, im National Museum of Wales, im Ashmolean Museum in Oxford und im Museum für Musikinstrumente in Leipzig. Sie sind keine Ausstellungsstücke – sie sind Relikte einer untergegangenen Welt.
Die Crwth war das Instrument der Barden, der walisischen Dichter und Musiker, die in den Höfen der Fürsten spielten. Es war kein Instrument für Unterhaltung. Es war ein Träger von Geschichte, von Mythologie, von Identität. In den letzten 20 Jahren haben Ensembles wie „Cantre’r Gwaelod“ und „The Crwth Project“ begonnen, alte Noten zu rekonstruieren, auf originalgetreuen Nachbauten zu spielen, mit Pferdehaar-Bögen und Holzstegen. Der Klang? Ein tiefes, rauhes Summen, das wie ein Wind durch alte Steine weht. Es ist kein Lied. Es ist eine Erinnerung. Die Crwth ist kein Instrument – es ist ein Versprechen, dass nichts wirklich verloren geht, solange jemand zuhört.
Die Bögen werden aus Pferdehaar hergestellt, wie bei der Geige, aber die Saiten sind aus Darm und Metall verflochten. Die Resonanz entsteht nicht durch einen Korpus, sondern durch die Luft, die zwischen den Saiten und dem Holz des Instruments vibriert. Es klingt, als würde ein alter Baum singen, der noch nie einen Menschen gesehen hat. Die Töne sind nicht gleichmäßig, sie zittern, sie schwanken, sie atmen.