12 Apr. Beyerdynamic DT 900 Pro X: Der Kopfhörer den Produzenten lieben
▶ 5:17 Lesezeit
Ich habe den Beyerdynamic DT 900 Pro X aufgesetzt und „Kerala“ von Bonobo gestartet. Nach dreißig Sekunden habe ich den Song gestoppt und von vorn begonnen. Nicht weil etwas nicht stimmte. Weil ich Details gehört habe, die ich nach hundert Durchläufen über andere Kopfhörer nie wahrgenommen hatte. Eine Shaker-Spur links hinten. Ein Raum-Echo, das sich langsam aufbaut. Das ist der Moment, ab dem du verstehst, warum offene Kopfhörer existieren.
Was „offen“ bei Kopfhörern bedeutet
Offene Kopfhörer haben perforierte Ohrmuscheln. Sound geht rein, Sound geht raus. Das klingt nach einem Nachteil, ist aber das Gegenteil. Offene Konstruktion erzeugt eine Bühne. Instrumente stehen nicht in deinem Kopf, sondern um dich herum. Eine Bühne, die geschlossene Kopfhörer physikalisch nicht reproduzieren können. Der Preis: Null Isolation. Dein Sitznachbar im Zug hört mit. Offene Kopfhörer sind für zuhause. Für den Moment, in dem du wirklich zuhören willst.
Der DT 900 Pro X nutzt diese Offenheit besser als die meisten Konkurrenten in seiner Preisklasse. Die STELLAR.45 Treiber sind Beyerdynamics aktuellste Entwicklung, eingeführt mit der Pro-X-Serie. Sie liefern einen Frequenzgang von 5 bis 40.000 Hz. Zum Vergleich: Das menschliche Gehör reicht bis etwa 20.000 Hz. Die zusätzliche Bandbreite ist kein Gimmick. Sie sorgt dafür, dass der Kopfhörer im hörbaren Bereich sauberer arbeitet, weil die Membran nicht an ihrer Grenze operiert.
48 Ohm: Warum das wichtig ist
Der Sennheiser HD 600 hat 300 Ohm Impedanz. Das bedeutet: Er braucht einen Kopfhörerverstärker, um richtig laut und kontrolliert zu spielen. Am Smartphone wird er zu leise und klingt dünn. Der AKG K712 Pro liegt bei 62 Ohm. Besser, aber an schwachen Quellen immer noch nicht optimal.
Der DT 900 Pro X hat 48 Ohm. Das ist niedrig genug für jedes Gerät. Smartphone, Laptop, Audio-Interface, DAC. Er spielt überall laut genug und verliert dabei nicht die Kontrolle über den Bass. Du brauchst keinen zusätzlichen Verstärker. Direkt einstecken, direkt loslegen. Für ein Produkt, das als Studio-Kopfhörer vermarktet wird, ist das ungewöhnlich flexibel.
48 Ω
Impedanz (HD 600: 300 Ohm)
5-40k
Hz Frequenzgang
219€
Einstiegspreis (Geizhals DE)
Wie er klingt
Neutral, aber nicht langweilig. Das ist die kürzeste Beschreibung. Der DT 900 Pro X färbt den Sound nicht ein. Er fügt keinen Bass hinzu, pusht keine Höhen. Was du hörst, ist das, was in der Aufnahme steckt. Für manche Leute ist das eine Enttäuschung, weil sie den Bass-Boost ihrer Consumer-Kopfhörer vermissen. Für alle anderen ist es eine Offenbarung.
Die Bühne ist breit. Breiter als beim HD 600, der dafür in den Mitten etwas präsenter ist. Der K712 Pro ist noch breiter, klingt aber im Vergleich etwas weniger fokussiert. Der DT 900 Pro X liegt genau dazwischen: weit genug, um räumlich zu klingen, präzise genug, um einzelne Instrumente klar zu verorten.
Wo er wirklich glänzt: bei komplexem Material. Electronic mit vielen Schichten. Orchestermusik mit großem Ensemble. Hip-Hop-Produktionen, bei denen drei verschiedene Synthie-Spuren gleichzeitig laufen. Der DT 900 Pro X sortiert das alles sauber auseinander, ohne klinisch zu werden.
Der Bass ist da, aber er drängelt sich nicht vor. Ein geschlossener Beyerdynamic DT 770 hat mehr Druck im Tiefbass. Der DT 900 Pro X liefert dafür einen Bass, der kontrollierter abfällt und die Mitten nicht verdeckt. Wenn du Techno hörst und physischen Druck auf den Ohren willst, ist ein offener Kopfhörer generell die falsche Wahl. Wenn du hören willst, wie die Kickdrum produziert wurde, welche Obertöne die Hi-Hat hat und wie der Synthesizer im Stereopanorama positioniert ist, dann ist der DT 900 Pro X genau richtig.
Der DT 900 Pro X klingt nicht wie ein 220-Euro-Kopfhörer. Er klingt wie ein 400-Euro-Kopfhörer, der sein Marketing-Budget gestrichen hat.
Vergleich: DT 900 Pro X vs. K712 Pro vs. HD 600
Der AKG K712 Pro (ab 267 Euro, 62 Ohm) klingt wärmer. Mehr Bass-Fundament, breitere Bühne. Dafür weniger präzise in den Mitten. Wenn du hauptsächlich Ambient oder klassische Musik hörst, kann der K712 die emotionalere Wahl sein. Nachteil: Das Kabel ist nicht abnehmbar am Originalmodell. Und 62 Ohm sind am Smartphone grenzwertig.
Der Sennheiser HD 600 (ab 294 Euro, 300 Ohm) ist die Legende. Seit über 25 Jahren der Referenzkopfhörer für HiFi-Enthusiasten. Seine Stärke: eine natürliche, leicht warme Mittenwiedergabe, die Stimmen dreidimensional klingen lässt. Seine Schwäche: 300 Ohm bedeuten, du brauchst einen Verstärker. Am Handy ist er nutzlos. Und der Preis ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Der DT 900 Pro X ist der pragmatischste der drei. Nicht der wärmste, nicht der breiteste, nicht der emotionalste. Aber der vielseitigste. Er funktioniert überall, klingt überall gut, braucht kein Zubehör. Wenn du einen einzigen offenen Kopfhörer kaufen willst, der vom Smartphone bis zum Studio-DAC an allem funktioniert, ist das hier die Antwort.
Für dich wenn
- Du einen offenen Kopfhörer willst, der an jedem Gerät funktioniert
- Du neutralen Sound bevorzugst, der nichts hinzufügt und nichts weglässt
- Du in Deutschland produzierte Qualität schätzt, die Jahrzehnte hält
Warte ab wenn
- Du Bass-betonten Sound bevorzugst (dann eher geschlossene Kopfhörer)
- Du hauptsächlich unterwegs hörst (offene Kopfhörer isolieren nicht)
- Du bereits einen HD 600 mit Verstärker besitzt (der Wechsel lohnt sich klanglich nicht)
♫ Reference Tracks – was der DT 900 kann
Songs die zeigen, was ein guter offener Kopfhörer mit Details macht.
- Bonobo – Kerala Schichten über Schichten. Offene Kopfhörer sortieren sie
- Yosi Horikawa – Bubbles Field Recordings die im Raum stehen. Der perfekte Kopfhörer-Test
- Steely Dan – Aja Audiophile Referenz seit 1977. Das Schlagzeug-Solo ab Minute 3
- Billie Eilish – everything i wanted Sub-Bass den du über offene Kopfhörer zum ersten Mal richtig spürst
Q&A nach der Show
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Brauche ich einen Verstärker für den DT 900 Pro X?
Was ist der Unterschied zum DT 990 Pro?
Taugt der DT 900 Pro X auch zum Musikhören oder nur fürs Studio?
Wie bequem ist der DT 900 Pro X bei langen Sessions?
Elias Kollboeck
Redaktion IBS Publishing
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Quelle Titelbild: Pexels / Kevin Bidwell (px:3925035)
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