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Alte Musik, neue Milliarden: Der Catalog-Boom

▶ 4:41 Lesezeit

Bob Dylan hat seine Songs für über 450 Millionen Euro verkauft. Bruce Springsteen für rund 500 Millionen. Queen für 1,27 Milliarden. Und Pink Floyd für etwa 400 Millionen. Was klingt wie ein Ausverkauf, ist tatsächlich die größte Verschiebung in der Musikindustrie seit dem Aufkommen des Streamings. Alte Musik ist das neue Gold. Und die größten Labels der Welt zahlen Preise, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären.

DROP

  • Queen-Katalog an Sony verkauft: rund 1,27 Milliarden Euro. Größter Catalog-Deal der Musikgeschichte.
  • Michael Jacksons Katalog-Anteil: Sony sicherte sich die Hälfte für über 600 Millionen Euro.
  • Bob Dylan, Bruce Springsteen, Pink Floyd: die Liste der Milliarden-Deals wird immer länger.
  • Streaming hat alte Musik profitabler gemacht als je zuvor. Keine Produktionskosten, ewige Einnahmen.
  • Was das für junge Künstler bedeutet: ihre Musik konkurriert mit Milliarden-Investitionen in Klassiker.

 

Warum alte Songs plötzlich Milliarden wert sind

 

Die kurze Antwort: Streaming. Vor Spotify und Apple Music verdienten Songs nach ein paar Jahren kaum noch etwas. Die CD war verkauft, das Radio spielte Neues, die Einnahmen trockneten aus. Streaming hat diese Logik komplett umgedreht. Ein Song, der 1975 geschrieben wurde, generiert 2026 genauso Einnahmen wie am Tag der Veröffentlichung. Jeder Stream zählt. Und alte Songs werden gestreamt. Ständig. Überall.

„Bohemian Rhapsody“ von Queen hat über zwei Milliarden Streams auf Spotify. „Billie Jean“ von Michael Jackson über 1,5 Milliarden. „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan wird jeden Tag tausendfach gestreamt, sechzig Jahre nach der Erstveröffentlichung. Diese Songs kosten nichts in der Produktion, nichts im Marketing, nichts in der Promotion. Sie existieren einfach und generieren Geld. Für immer.

Das haben die großen Labels erkannt. Sony Music hat in den letzten Jahren eine aggressive Einkaufsstrategie gefahren. Der Queen-Katalog für rund 1,27 Milliarden Euro Mitte 2024 war der bisher größte Deal. Im Februar 2024 sicherte sich Sony die Hälfte von Michael Jacksons Publishing- und Masterrechten für über 600 Millionen Euro. Ende 2024 kam der Pink-Floyd-Katalog für etwa 400 Millionen Euro dazu. Universal Music hatte vorgelegt und Bob Dylans Songwriting-Rechte 2020 für einen geschätzten dreistelligen Millionenbetrag erworben. Sony folgte mit Dylans Masterrechten. Bruce Springsteens gesamter Katalog ging ebenfalls an Sony, für rund 500 Millionen Euro.

 

Die Mathematik hinter den Deals

 

Schallplattensammlung in einem Plattenladen

Physisch oder digital: Die Rechte an Musik sind wertvoller denn je. Pexels / Markus Spiske

Die Bewertung von Musikkatalogen basiert auf einem Multiplikator der jährlichen Einnahmen. Ein typischer Katalog wird mit dem 15- bis 30-Fachen seiner Jahreseinnahmen bewertet. Je stabiler und vorhersagbarer die Streams, desto höher der Multiplikator. Queen ist der perfekte Katalog: eine Handvoll Songs, die jeder kennt, die in Filmen, Werbung, Sportevents und Playlists ständig auftauchen. Die Einnahmen sind so berechenbar wie eine Staatsanleihe. Nur besser verzinst.

Für die Käufer ist das ein Geschäft mit geringem Risiko. „Bohemian Rhapsody“ wird in zehn Jahren immer noch gestreamt werden. In zwanzig Jahren auch. In fünfzig wahrscheinlich. Die Songs sind Teil der Kulturgeschichte. Sie veralten nicht. Sie haben keine Konkurrenz. Kein neuer Künstler kann „Billie Jean“ ersetzen.

1,27 Mrd.
Queen-Deal
~500 Mio.
Springsteen
~400 Mio.
Pink Floyd

 

Warum Künstler verkaufen

 

Die offensichtliche Antwort: das Geld. Aber es ist komplizierter. Viele der verkaufenden Künstler sind in ihren Siebzigern oder Achtzigern. Bob Dylan war 79, als er seine Songwriting-Rechte verkaufte. Springsteen war 72. Die Deals sind auch Nachlassplanung. Statt den Erben ein komplexes Portfolio aus Musikrechten zu hinterlassen, das verwaltet werden muss, kassieren die Künstler zu Lebzeiten eine Summe, die steuerlich günstiger behandelt werden kann als laufende Tantiemen.

Dazu kommt: die Bewertungen waren noch nie so hoch. Die Kombination aus niedrigen Zinsen in den frühen 2020er-Jahren und dem Streaming-Boom hat die Multiplikatoren auf Rekordhöhen getrieben. Wer 2021 oder 2022 verkauft hat, hat den perfekten Zeitpunkt erwischt. Ob die Preise so hoch bleiben, ist unklar. Die Zinswende hat das Kapital verteuert, und manche Analysten warnen vor einer Korrektur.

Kein neuer Künstler kann Billie Jean ersetzen. Das macht alte Songs zur sichersten Investition der Musikindustrie.

 

Was das für junge Künstler bedeutet

 

Hier wird es unbequem. Wenn Sony 1,27 Milliarden Euro für Queen ausgibt, muss sich dieses Investment rechnen. Das bedeutet: die Songs müssen überall sein. In Playlists, in Filmen, in Werbung, in Algorithmen. Jeder Platz, den „Bohemian Rhapsody“ in einer Discover-Weekly-Playlist einnimmt, ist ein Platz, den ein neuer Song nicht bekommt.

Die Streaming-Plattformen haben ein endliches Inventar an prominenten Playlist-Plätzen. Und die Labels, die Milliarden für Kataloge bezahlt haben, haben ein starkes Interesse daran, diese Songs so oft wie möglich zu platzieren. Das erzeugt einen Wettbewerb, in dem junge Künstler nicht nur gegen andere neue Künstler antreten, sondern gegen die größten Songs aller Zeiten, mit dem Marketing-Budget eines Milliarden-Investments dahinter.

Das bedeutet nicht, dass neue Musik keine Chance hat. Aber es bedeutet, dass die Hürde höher ist. Wer den Streaming-Krieg zwischen Apple und Spotify verfolgt, sieht das Muster: die Plattformen brauchen exklusive Inhalte und neue Hits, aber ihre Algorithmen bevorzugen das, was funktioniert. Und was seit fünfzig Jahren funktioniert, hat einen unfairen Vorteil.

 

Die andere Seite: Musik als Anlageform

 

Der Catalog-Boom hat eine neue Klasse von Investoren angezogen. Hipgnosis Songs Fund, gegründet 2018, war einer der ersten Fonds, der Musikrechte als Anlageprodukt verpackte. Investoren kaufen Anteile an Songkatalogen wie an Aktien. Die Rendite kommt aus Streaming-Einnahmen, Sync-Deals für Film und Werbung und Lizenzzahlungen.

Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Folgen. Wenn Musik zur Anlageform wird, zählen Rendite und Planbarkeit mehr als künstlerischer Wert. Die wertvollsten Kataloge sind nicht die künstlerisch besten, sondern die mit den stabilsten Streams. Ein Track, der jeden Tag 100.000 Mal gestreamt wird, ist wertvoller als ein kritisch gefeiertes Album mit schwankenden Zahlen.

Für die Musikindustrie ist das eine fundamentale Veränderung. Musik war immer ein riskantes Geschäft: die meisten Songs floppen, wenige werden Hits. Alte Kataloge haben kein Risiko mehr. Sie sind der sichere Hafen in einer Branche, die sonst von Unsicherheit lebt. Ob KI-Musik das verändern wird oder ob auch sie nur das Angebot an neuem Content explodieren lässt, während die alten Klassiker stabil weiterlaufen, ist eine der spannendsten Fragen der Branche.

Fazit

Alte Musik ist die sicherste Investition der Branche geworden. Für die Legenden ein lukrativer Exit, für die Labels eine Wette auf die Ewigkeit. Für junge Künstler bedeutet es: die Konkurrenz kommt nicht nur von der Nachbarschaft, sondern von den größten Songs der Geschichte.

Q&A nach der Show

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Was genau wird bei einem Catalog-Deal verkauft?
Es gibt zwei Arten von Rechten: Songwriting-Rechte (Publishing) und Masterrechte (Aufnahmen). Manche Künstler verkaufen beides, manche nur eines. Bob Dylan hat beides in separaten Deals verkauft. Die Rechte umfassen alle zukünftigen Einnahmen aus Streaming, Radio, Sync-Deals, Coverversionen und Lizenzen. Der Käufer verdient an jedem Stream, jeder Filmnutzung und jedem Werbeeinsatz.
Welcher ist der größte Catalog-Deal aller Zeiten?
Sonys Erwerb des Queen-Katalogs Mitte 2024 für rund 1,27 Milliarden Euro. Es ist der bisher teuerste Deal für die Rechte einer einzelnen Band. Zum Vergleich: Bruce Springsteens Deal lag bei rund 500 Millionen Euro, Pink Floyd bei etwa 400 Millionen. Bei Michael Jackson zahlte Sony über 600 Millionen Euro für die Hälfte der Rechte, was den Gesamtkatalog auf über 1,2 Milliarden bewerten würde.
Ändert sich für Fans etwas nach einem Catalog-Deal?
Für den Hörer ändert sich direkt nichts. Die Songs bleiben auf allen Plattformen verfügbar. Indirekt kann es aber bedeuten, dass die Songs häufiger in Playlists auftauchen, öfter in Werbung und Filmen genutzt werden und durch aggressiveres Marketing der neuen Rechteinhaber noch präsenter werden. Manche Fans sehen das kritisch, andere profitieren von besserer Verfügbarkeit und neuen Remasters.
Können auch junge Künstler ihre Kataloge verkaufen?
Theoretisch ja, praktisch selten zu vergleichbaren Bewertungen. Die hohen Multiplikatoren gelten vor allem für Kataloge mit langer, stabiler Streaming-Historie. Ein Künstler, der seit drei Jahren Musik veröffentlicht, hat nicht die gleiche Planbarkeit wie Queen mit 50 Jahren Streaming-Daten. Es gibt aber zunehmend Plattformen, die Anteile an neueren Katalogen handelbar machen.

Quelle Titelbild: Pexels / cottonbro studio

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