17 Apr. Eurovision 2026 Wien: Ein erster Blick auf Setlists, Songs und Favoriten
6:15 Min. Track
Österreich hat 2025 mit JJs Wasted Love den 70. Eurovision geholt und trägt 2026 zum dritten Mal die Show aus. Zwei Semi-Finals am 12. und 14. Mai, Finale am 16. Mai, Wiener Stadthalle. 35 Länder sind gemeldet. Fünf sind fern geblieben. Eine Finnin mit Violine führt die Wetten. Und Wien ist mental schon zum roten Teppich mutiert.
Österreich hostet, Wien strahlt
Die Wiener Stadthalle ist die Halle, in der 2015 Conchita Wursts Nachfolge-Event lief. Zehn Jahre später kehrt Eurovision zurück in dieselbe Venue – mit größerer Bühne, komplett neuem Lichtsetup und einer deutlich höheren Produktion-Budget-Ansage. Der ORF hat die „State of the Art“-Stage nach ESC-Today über ein Jahr lang entwickelt. Drehpodium im Boden, LED-Wände vom Boden bis zur Hallendecke, dazu ein Green Room, der diesmal in die Show eingewoben ist statt hinter den Kulissen zu verschwinden. Wer Eurovision-Shows der letzten Jahrzehnte kennt, erwartet hier einen Referenzpunkt für die nächsten fünf Jahre.
Das Moderatoren-Trio ist ein klares Signal. Victoria Swarovski ist international bekannt, Michael Ostrowski bringt österreichischen Humor und Charakter. Emily Busvine als Green-Room-Host ist die jüngere, UK-inspiriert direktere Stimme, die an die TikTok-ESC-Community anschlussfähig ist. Drei Personen, drei Funktionen – klassische Eurovision-Format-Formel, aber mit klarer Generations-Split-Ansprache.
Wien selbst hat Mitte April bereits angefangen zu schmücken. Am Donaukanal laufen Eurovision-Werbeplakate, am Flughafen kündigt ein großes LED-Display den Countdown an. Die Stadt erwartet laut wien.info etwa 250.000 Besucher allein während der drei Show-Tage. Hotels sind in 3-Kilometer-Radius um die Stadthalle bereits zu 95 Prozent gebucht – Richtung Mai-Mitte wird alles, was noch frei ist, zum Premium-Preis verkauft.
„The contest will celebrate 70 years of Eurovision with a production package that builds on the 2015 Vienna blueprint but raises stage technology, light design and audio significantly above all previous shows.“
– ESCToday, „Austria: Vienna’s Eurovision 2026 State of the Art Stage Nears Completion“, April 2026
Top-Favoriten und Buchmacher-Quoten
Finnland ist die Überraschung dieser Saison. Linda Lampenius ist 55, hat Karriere-Wurzeln in der klassischen Violine und hat sich mit dem jungen Producer Pete Parkkonen zusammengetan. Das Ergebnis ist eine hochenergetische Fusion aus klassischem Geigen-Solo und elektronischer Pop-Produktion, die laut OGAE-Voting und ESCInsight schon vor Eurovision-Start bei den Fans angekommen ist. Finnland hat Eurovision 2006 mit Lordi gewonnen und seither mehrere Male den Top-5-Bereich verpasst – 2026 wirkt die Sternstellung günstig.
Frankreich setzt auf Monroe mit einer französischsprachigen Ballade, die formal an Barbara Pravis 2021er Auftritt erinnert, aber moderner produziert ist. Das Publikum in Paris und die französische Diaspora sind zuverlässige Voter. Dänemark kommt mit einem nationalen Sieger, der erst Anfang März feststand – Details zur Produktion sind noch im Fluss, aber die Wettquoten haben die Skandinavier zügig nach oben geschoben. Viele Eurovision-Prognosen der Vorjahres-Ausgabe in Basel haben sich am Ende fast exakt so erfüllt wie vom ESCInsight-Modell vorhergesagt.
Der Road to Vienna: Phasen bis zur Show
Der Boykott: Was fünf Länder ausschließt
Island, Irland, Niederlande, Slowenien und Spanien nehmen 2026 nicht teil. Die Begründung ist die Inklusion Israels sowie dokumentierte Versuche der israelischen Regierung, die Resultate der letzten zwei Eurovisions-Ausgaben zu beeinflussen. Die EBU (European Broadcasting Union) hat den Vorwurf bislang nicht öffentlich bestätigt, aber auch nicht kategorisch abgestritten. Der Boykott ist das politisch sichtbarste Ereignis in der Eurovision-Geschichte seit Russlands Ausschluss 2022.
Für die Fans hat das Folgen auf mehreren Ebenen. Die Show verliert fünf starke Musikkulturen: Irland historisch Rekord-Gewinner (sieben Mal), Spanien als eine der Big-Five mit großem Publikum, die Niederlande als Creative-Powerhouse-Nation. Slowenien und Island sind kleinere Märkte, aber oft mit eigenwilligen Entries. Der Rückstand in Diversität ist spürbar – und hat bereits die internen Debatten über die Relevanz Eurovisions als apolitische Plattform neu entfacht.
Für die deutsche und österreichische Szene bleibt die Veranstaltung trotzdem wichtig. Deutschland schickt dieses Jahr wieder einen Act, der über eine nationale Vorentscheidung ausgewählt wurde. Österreich ist Gastgeber und direkt für das Finale qualifiziert. Die DACH-Community von Eurovision-Fans wird 2026 zahlenmäßig stark in Wien vertreten sein. Bei der Basler Show 2025 stellten deutsche, österreichische und schweizerische Besucher etwa ein Viertel des Publikums.
Eurovision wird 2026 gern als Umbruch-Jahr beschrieben. Das ist inhaltlich nicht ganz falsch. Neben dem Boykott-Thema wird das Format seit zwei Jahren schrittweise modernisiert: kürzere Performances als Option, wieder mehr live gesungene Verse in den Semi-Finals, transparentere Jury-Voting-Prozesse. Die EBU hat im Januar 2026 eine neue Contest-Charta verabschiedet, die strengere Anti-Manipulations-Regeln für Teilnehmerländer einführt. Ob das reicht, um die strukturellen Vorwürfe zu entkräften, wird die Abstimmung am 16. Mai zeigen.
Für Neulinge, die nie Eurovision gesehen haben, ist 2026 ein guter Einstiegspunkt. Die Produktion ist wahrscheinlich die visuell aufwändigste der letzten zehn Jahre. Der Mix aus etablierten Pop-Stars (Loreen war 2012 und 2023 da, Lordi 2006, Conchita 2014) und experimentellen Acts bleibt das, was Eurovision einzigartig macht. Ein durchschnittliches Finale hat Balladen, Trash-Pop, Drama-Rock, traditionelle Folklore und hochmoderne Elektronik auf derselben Bühne. Das macht drei Stunden Fernsehen in einer Welt aus kurzen TikTok-Clips zu einem erstaunlich durchhaltenden Format.
Die Telegram-Kanäle der Eurovision-Community sind seit Anfang April in Dauerbetrieb. Fangruppen wie OGAE, EscDiskutiert und der deutsch-österreichische ESC-Chatroom analysieren Running-Order-Gerüchte, Fashion-Wahlen und Probenvideos in Echtzeit. Wer tief einsteigen will, findet dort mehr Insider-Wissen als in offiziellen Pressemitteilungen. Die Community ist die eigentliche Show hinter der Show – und Wien ist in wenigen Wochen ihr Zentrum.
Aus journalistischer Sicht bleibt 2026 ein spannendes Experimentierjahr. Eurovision war immer eine Mischung aus Kitsch, Kampf und kulturellem Selbstverständnis. Mit dem Boykott wird das politische Element sichtbarer denn je. Mit Wien als Host bekommt die Show gleichzeitig eine fast diplomatische Bühne: Die Stadt ist Sitz der UNO-Europa, der OSZE, zahlreicher internationaler Organisationen. Die Symbolik ist klar. Ob die Produktion diese Ebene explizit adressiert oder komplett apolitisch durchzieht, wird am Showabend selbst entschieden.
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Quelle Titelbild: Pexels / Josh Sorenson