05 Juni EDM im Wandel: Warum die Szene zurück in den Club geht
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EDM ist nicht tot, EDM ist nur woanders. Der große, austauschbare Festival-Sound der 2010er hat seine kulturelle Mitte verloren, und an seine Stelle ist kein neuer Mainstream getreten, sondern eine Vielzahl von Szenen, die sich bewusst voneinander abgrenzen. Afro House sprang laut Beatport- und IMS-Daten binnen eines Jahres von Platz 23 auf Platz 4 der meistgesuchten Producer-Genres, während der klassische Big-Room-Knaller kaum noch jemanden aus dem Sessel reißt. Wer heute verstehen will, wohin elektronische Musik geht, schaut nicht auf die Mainstage, sondern auf den kleinen Floor mit der schlechten Klimaanlage.
Wie aus der Nische der Stadion-Sound der 2010er wurde
Es gab einen Moment, in dem elektronische Tanzmusik die größte Popmaschine der Welt war. Zwischen ungefähr 2010 und 2016 lief in den USA und Europa ein Boom, der einen ganzen Markt umbaute. Festivals wuchsen zu Stadtgrößen, DJs wurden zu Headlinern auf Hauptbühnen, und die Bauanleitung für einen Hit war erstaunlich klar: lange Spannungskurve, ein kurzer Moment der Stille, dann der große Einschlag. Dieser Build-up-Mechanismus war so wirksam, dass er sich selbst zu Tode optimierte. Irgendwann klang fast jeder große Track gleich, weil jeder dieselbe Formel bediente.
Der Wendepunkt kam nicht mit einem Knall, sondern mit Müdigkeit. Als FISHER 2018 mit Losing It einen Tech-House-Track in die Charts und auf die großen Bühnen brachte, war das schon ein Signal: Das Publikum suchte nach Groove statt nach dem maximalen Effekt. Der überwältigende Knall war nicht mehr das Versprechen, das Tickets verkaufte. Was als Mainstream-Sound begann, wurde zum Klischee, und Klischees verlieren in der Clubwelt schnell ihren Status.
Die große Zersplitterung: ein Genre zerfällt in Szenen
Was danach passierte, lässt sich am besten als Fragmentierung beschreiben. EDM war nie ein einzelnes Genre, sondern immer ein Dachbegriff. Doch in den 2010ern verdeckte der kommerzielle Erfolg diese Vielfalt. Heute ist sie wieder sichtbar, und zwar deutlicher denn je. Tech House dominiert die kommerziellen Floors, Melodic Techno füllt die emotionaleren Slots, Hard Techno mit hohen BPM-Zahlen hat eine ganze junge Generation in die Hallen geholt, und Drum and Bass erlebt in Großbritannien und darüber hinaus ein echtes Comeback.
Aus Producer-Sicht ist das eine Befreiung. Wer früher auf einem großen Label landen wollte, musste die Festival-Formel bedienen. Heute existieren Dutzende lebendiger Nischen mit eigenen Labels, eigenen Partyreihen und eigenem Publikum. Beatport, der Marktplatz, an dem sich der DJ-Geschmack ablesen lässt, zeigt diese Bewegung in seinen Verkaufs- und Suchdaten sehr genau. Tech House und House führen weiterhin die Verkäufe an, aber die Rankings haben sich 2024 stärker bewegt als in den Jahren davor.
FISHER, Losing It
Afro House verschiebt den Schwerpunkt
Das deutlichste Beispiel für diese Verschiebung ist Afro House. Das Genre zog laut den Auswertungen von Beatport und dem IMS Business Report binnen eines Jahres von Platz 23 auf Platz 4 der meistgesuchten Producer-Genres. Das ist keine Modeerscheinung, sondern eine echte Verschiebung des Geschmacks. Afro House arbeitet mit organischen Percussion-Texturen, Stimmen-Samples und einem Groove, der mehr atmet als der maschinelle Puls des klassischen EDM. Labels wie Keinemusik haben dabei eine Brücke zwischen Underground-Credibility und großen Bühnen gebaut, ohne den Sound zu verwässern.
Für mich als Producer ist das die spannendste Entwicklung der letzten Jahre. Afro House zwingt dazu, anders zu denken. Es geht nicht um den einen Moment, in dem der Bass einsetzt und alle die Hände heben, sondern um eine Reise über acht oder zehn Minuten. Der Track muss sich entwickeln, statt zu explodieren. Das ist handwerklich anspruchsvoller und näher an dem, was elektronische Musik ursprünglich ausgemacht hat: Hypnose statt Reizüberflutung.
Zurück in den dunklen Raum: das Comeback der Clubkultur
Die zweite große Bewegung spielt sich nicht im Sound ab, sondern im Raum. Nach Jahren, in denen das Festival das Maß aller Dinge war, ziehen kleinere Clubs und Underground-Reihen wieder ein Publikum an, das genau diese Intimität sucht. Ein gut kuratierter Floor mit dreihundert Leuten, einem DJ, der vier Stunden lang eine Geschichte erzählen darf, und einer Anlage, die für den Raum gebaut ist, bietet etwas, das die Mainstage strukturell nicht kann: Tiefe.
Diese Rückbewegung ist kein nostalgischer Reflex, sondern eine logische Gegenreaktion. Wenn der Mainstream-Sound austauschbar wird, gewinnt das Spezifische an Wert. Wer Bicep mit Glue auf einer guten Anlage gehört hat, weiß, dass der Reiz nicht im lautesten Moment liegt, sondern in der Spannung, die sich über Minuten aufbaut. Dasselbe gilt für die kontemplativen Seiten der elektronischen Musik, für die ein Track wie Bonobos Kerala steht. Das ist keine Festival-Munition, das ist Musik für einen Raum, in dem man zuhört. Genau dahin bewegt sich gerade ein wachsender Teil des Publikums.
Für die nächste Generation an Producern und DJs ist die Botschaft klar. Der Weg führt nicht über die perfekte Kopie der alten Formel, sondern über eine eigene Handschrift in einer der vielen lebendigen Szenen. Wer sich mit den Grundlagen auskennt, vom Aufbau eines Synthesizers bis zur sauberen Sidechain-Compression, hat heute mehr Freiheit denn je, einen Sound zu entwickeln, der nicht nach allen anderen klingt.
Q&A nach der Show
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Redaktion IBS Publishing ››
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Bildquelle: Titelbild und Beitragsbilder KI-generiert (Mai 2026), C2PA-Zertifikat im Bild hinterlegt

