Silhouette einer Person in einem dunklen Gang vor einem Eingang mit pinker und orangefarbener Bühnenbeleuchtung

Emotional Junglist: Nia Archives lässt den Break nicht los

▶ 7:03 Lesezeit

Donnerstag, 30. Juli 2026, Shortlist-Tag: Emotional Junglist steht auf der Mercury-Liste. Zum zweiten Mal in Folge klingt der Name Nia Archives, wenn die britische Jury die Alben des Jahres aufruft. Kein Soft-Landing und kein Beinahe. Jungle, Break-up und Bass, der im Brustkorb sitzt. Du merkst sofort, dass hier jemand nicht um Erlaubnis fragt.

DROP

  • Emotional Junglist: Shortlist Mercury Prize 2026, zweite Nominierung, Verkündung am 30.07.2026
  • Album-Release Freitag, 17.07.2026, 15 Tracks, Features mit Jorja Smith und Sampha
  • Silence Is Loud 2024: erste Mercury-Nominierung, erstes Jungle-Album seit 26 Jahren auf einer Shortlist
  • MOBO Awards 2022: Win in Best Dance/Electronic Act nach öffentlichem Open Letter
  • Live 2026 unter anderem Boardmasters, Sziget, All Points East, Lowlands, danach Chicago und Tokio

 

Shortlist, zweiter Anlauf, null Zufall

Am 30. Juli 2026 liest du den Namen und spürst den Ruck. Die Mercury-Prize-Shortlist 2026 ist draußen, unter anderem über BBC Radio 6 Music. Emotional Junglist steht drauf. Zweite Nominierung für Nia Archives. Kein Debüt-Bonus mehr, kein „schau mal, die aus dem Underground“. Das zweite Album. Der zweite Anlauf. Die Verleihung folgt am 22. Oktober 2026 in der Utilita Arena in Newcastle.

Mit auf der Liste: Paul McCartney mit seiner ersten Nominierung überhaupt und RAYE. Du musst die restliche Jury-Logik nicht auswendig lernen. Was zählt: Jungle und Drum and Bass sitzen wieder mit am Tisch, auf dem die britische Albumkultur ihre Jahresbilanz zieht. Und Nia schreibt am selben Tag auf X: „my 2nd album ‚emotional junglist‘ has been shortlisted for a mercury omg !!!! ty @MercuryPrize“. Kein Pressestatement. Ein Satz, der klingt, als hätte jemand den Raum verlassen und dann draußen geschrien.

Zwei Jahre zuvor war Silence Is Loud schon einmal da. Damals hieß es: erstes Jungle-Album seit 26 Jahren auf einer Mercury-Shortlist. Erste Junglistin seit Roni Size und Reprazent 1997. Wer 2024 noch dachte, das sei ein netter Ausreißer, bekommt 2026 die Antwort. Sie ist geblieben. Der Sound ist härter geworden. Die Stimme auch.

26 Jahre
ohne Jungle-Album auf einer Mercury-Shortlist bis Silence Is Loud 2024

 

Bradford, Leeds, Hostel, Studienkredit

Bürgerlich heißt sie Dehaney Nia Lishahn Hunt. Geboren im September 1999 in Bradford, mit sieben nach Leeds. Die Biografie klingt nicht nach Marketing-Storyboard. Mit 16 raus aus dem Elternhaus, Jugendhostel in Manchester, danach Musikproduktion an der University of Westminster. Kein Soft-Start. Kein Studio, das jemand anderes bezahlt hat.

Die Promo ihrer selbstverlegten Debütsingle Forbidden Feelingz aus dem Jahr 2021 zahlt sie aus dem Studienkredit. Der Track geht während des Studiums durch die Decke. Du kannst dir das Bild zusammenbauen: Laptop, knappes Geld, Jungle-Tempo. Jungle war nie nur Nostalgie-Vinyl. Bei ihr wird er wieder zu einem Ort, an dem du stehen bleibst.

Später: eigenes Imprint Hijinxx, Releases über Island Records, Credit „A HIJINXX / Island Release“. Dazu die Party- und Label-Serie Up Ya Archives auf NTS ab 2025. Wer den Namen Archives hört und nur Archiv denkt, verpasst den Punkt. Hier wird gesammelt, geremixed, rausgeworfen, wieder reingeholt. Szene-Arbeit und Label-Logik in einem Atemzug.

 

Silence Is Loud und die Lücke von 26 Jahren

Am 12. April 2024 erscheint Silence Is Loud über Hijinxx und Island. Mercury-Nominierung im selben Jahr. Mixmag markiert den historischen Riss: 26 Jahre ohne Jungle-Album auf einer Shortlist. Der Guardian erinnert an Roni Size und Reprazent 1997. Das ist keine Fußnote für Genre-Nerds. Das ist die Linie, an der du merkst, wie lange Jungle aus dem großen britischen Album-Gespräch draußen war.

Wer Jungle sagt und nur Amen-Break-Loop meint, hat den Unterschied nie im Körper gehört. Jungle ist Tempo, Schnitt, Druck und Stimme, die nicht um Erlaubnis bittet. Drum and Bass und Jungle teilen DNA, aber nicht denselben Raum im Kopf. Nia gilt als zentrale Figur des Jungle- und Drum-and-Bass-Revivals nach 2020. Nicht, weil sie ein Genre „wiederbelebt“ wie ein Museum. Weil sie es wieder in den Vordergrund schiebt: in Alben, in Sets, in eine Shortlist, die sonst oft woanders hinschaut.

Silence Is Loud war der erste große Schlag. Emotional Junglist ist der zweite. Und diesmal kommt die Shortlist nicht als Überraschung daher. Sie kommt als Bestätigung, dass der Sound hält, wenn der Hype-Zyklus schon weitergezogen wäre.

 

Emotional Junglist: nicht „dasselbe Lied fünfzehnmal“

Freitag, 17. Juli 2026. Emotional Junglist ist draußen. 15 Tracks. Vorab-Singles: Danger, Boys In Blue, Vertical, Get Me Down. Die Dramaturgie ist klar gebaut: erste Hälfte Verliebtheit, zweite Break-up. Boys In Blue ist der Track mit den Mittelfingern nach oben. Kein verstecktes Side-Eye. Offener Schnitt.

Dann die Features: Jorja Smith auf Get Me Down (Track 7), Sampha auf Tender (Track 12). Am 29. April 2026 postet sie selbst: „ma first eva features“. Kein großes Statement-Deck. Ein Satz, der klingt, als würde jemand endlich die Tür aufmachen, die lange zu war.

Mach die Boxen auf. Amen-Brüche, die wie Treppenstufen nach unten führen. Snare-Feuer, das im Nacken sitzt. Bässe, laut und dabei nass und nah, als stünde der Subwoofer hinter deiner Rippe. Dazwischen Stimme: nah am Ohr, dann wieder über dem Break, dann mitten im Drop, wo andere Songs die Vocals rausnehmen. Emotional Junglist klingt nicht nach Archiv-Kopie. Es klingt nach jemand, der den Raum kennt und ihn trotzdem umbaut.

„This is an alternative record. It’s not a jungle record… People might not like that but I think it’s fun to explore jungle and not just make the same song 15 times in a row. I’m not going to let the underground scene dictate what I should do.“
Nia Archives im FADER-Interview, Juni 2026

Im FADER-Interview vom Juni 2026 sagt sie es ungeschminkt: alternatives Album und kein reines Jungle-Record im engen Sinn. Sie lässt sich die Richtung nicht diktieren. Der Guardian vergibt am 16. Juli 2026 vier von fünf Sternen und schreibt, Emotional Junglist fühle sich an wie die große Schwester von Silence Is Loud, mit stärkerem Selbst und einer reiferen Plattensammlung. Pitchfork am 20. Juli 2026, Score 7.9: Nia greife gleichzeitig ein neues, selbstbewussteres Register und schiebe Jungle in frisches, verletzliches Terrain.

Du hörst die Differenz. Nicht als Theorie. Als Playlist-Logik. Wer nur den Drop will, kriegt ihn. Wer die Bruchstellen will, kriegt die auch.

 

Open Letter, Publikum, Sommerbühnen

2022 gewinnt sie bei den MOBO Awards Best Dance/Electronic Act. Davor hatte sie per öffentlichem Open Letter die Wiedereinführung genau dieser Kategorie gefordert. Die Organisatoren holen die Kategorie zurück. Den Preis bekommt sie selbst. Der Guardian nennt sie den ersten Dance-Act seit Jahrzehnten mit einem MOBO. Das ist Szene-Politik mit Ergebnis, nicht Symbol-PR.

Bei den BRIT Awards bleiben es Nominierungen: Rising Star 2023, 2025 als Artist of the Year und Best Dance Act. Damit ist sie die erste Jungle-Künstlerin mit drei BRIT-Nominierungen. Kein Win. Trotzdem eine Linie, die du in der britischen Award-Landschaft nicht übersehen kannst.

Im selben FADER-Gespräch vom Juni 2026 spricht sie über Räume und Publikum: „If you go to any jungle rave it’s a lot of men. Which isn’t a bad thing, but I’m proud that a lot of my audience are women… I’m definitely leaning into my femininity and it is for the girls.“ Jungle-Raves sind oft männlich besetzt. Sie stellt sich bewusst daneben und davor. Femininity als Haltung im harten Genre.

Live 2026 liest sich die Tour-Seite so: Boardmasters in Newquay vom 5. bis 9. August, Sziget in Budapest vom 11. bis 15. August, All Points East in London am 21. August im Support-Umfeld von Jorja Smith und Tems, Lowlands in den Niederlanden vom 21. bis 23. August, danach Chicago und Tokio. Keine Termine in Deutschland gelistet. Wer sie im Sommer sehen will, plant entlang dieser Route. Wer den Sound vorher will, legt Emotional Junglist auf und lässt den Break im Raum stehen.

Artist of the Month heißt bei IBB nicht: nettes Porträt, Häkchen, weiter. Es heißt: du weißt danach, warum der Name gerade zählt. Nia Archives schreibt Jungle nicht in die Vitrine. Sie schreibt ihn in Shortlists, in Features, in Open Letters und in 15 Tracks, die sich trauen, Verliebtheit und Bruch in einem Atemzug zu erzählen. Am 22. Oktober 2026 fällt in Newcastle die Entscheidung über den Mercury Prize. Bis dahin läuft der Sound weiter. Und der klingt, als wäre die Lücke von 26 Jahren nie der Endpunkt gewesen, sondern nur die Pause vor dem nächsten Drop.

 

Q&A nach der Show

Klick auf eine Frage um die Antwort aufzuklappen.

Wann kam Emotional Junglist raus und wie ist das Album gebaut?
Freitag, 17. Juli 2026, 15 Tracks. Vorab-Singles: Danger, Boys In Blue, Vertical und Get Me Down. Dramaturgie: erste Hälfte Verliebtheit, zweite Break-up. Boys In Blue ist der Track mit den Mittelfingern nach oben.
Welche Features sind zum ersten Mal dabei?
Jorja Smith auf Get Me Down (Track 7) und Sampha auf Tender (Track 12). Es sind die ersten Features ihrer Laufbahn. Am 29. April 2026 schrieb sie dazu: „ma first eva features“.
Was war 2022 bei den MOBO Awards passiert?
Sie forderte per öffentlichem Open Letter die Wiedereinführung der Kategorie Best Dance/Electronic Act. Die Organisatoren führten sie wieder ein. Den Preis gewann sie selbst. Der Guardian nannte sie den ersten Dance-Act seit Jahrzehnten mit einem MOBO.
Wo spielt sie im August 2026 live?
Boardmasters in Newquay (5. bis 9. August), Sziget in Budapest (11. bis 15. August), All Points East in London am 21. August im Support-Umfeld von Jorja Smith und Tems, Lowlands in den Niederlanden (21. bis 23. August), danach Chicago und Tokio. Auf der Tour-Seite sind keine Termine in Deutschland gelistet.

Bildquelle: KI-generiert (August 2026)



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